Gespräch mit Frank Schulz-Kindermann, Psychoonkologe und Psychotherapeut, Leiter der Spezialambulanz für Psychoonkologie

Frage: Wofür ist die Spezialambulanz für Psychoonkologie da?
Antwort: Viele Menschen, die an Krebs erkranken, sind überfordert und überlastet durch die Auseinandersetzung mit der Krebserkrankung und die vielen Behandlungen, die nötig sind. Sie brauchen Unterstützung, die sie in ihrem persönlichen Umfeld manchmal nicht finden oder dort nicht in Anspruch nehmen wollen. Dann können wir helfen: Den Patienten selbst und denjenigen, die auch von Krebs "betroffen" sind, den Familienmitgliedern, Freunden, Kollegen.

Interview Frank Schulz-Kindermann

F: Für wen ist diese Hilfe besonders wichtig?
A: Für viele Krebspatienten ist die Konfrontation mit der Diagnose ein Schock, sie fühlen sich, als sei ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen worden und ihr Leben plötzlich an einen Abgrund geraten. Bei manchen nehmen dann Ängste und Sorgen derart überhand, dass diese psychischen Schwierigkeiten den ganzen Alltag zu beherrschen drohen. Viele brauchen vor allem auch Hilfe bei der Bewältigung der medizinischen Therapien, sie können sich schwer auf die häufig sehr belastenden und nebenwirkungsreichen Behandlungen, wie Chemotherapie, Operation und Bestrahlung, einstellen. Einige machen sich vor allem auch Gedanken wegen ihrer Nächsten, sie sorgen sich um deren Versorgung. Sie werden von Zukunftsängsten geplagt und haben Angst vor der nächsten Kontrolluntersuchung. Schließlich haben viele auch finanzielle Schwierigkeiten, sind lange krank geschrieben, erholen sich nur sehr langsam oder sind zuweilen über lange Zeit, manchmal Jahre, chronisch krank.

Interview Frank Schulz-Kindermann

F: Was können Sie für diese Menschen an Hilfen anbieten?
A: Zunächst geht es darum, die Bedrohung, das Leiden und die Verzweiflung anzuerkennen, es zu würdigen, es aus dem Tabubereich zu holen und ihm einen Raum zu geben. Dadurch verliert es bereits einen Teil seiner Bedrohung, wir können damit umgehen, uns damit auseinander setzen. Vieles von dem was wir tun, ist Erläuterung, Information, auch Moderation mit den anderen Beteiligten, den Familienmitgliedern oder auch den behandelnden Medizinern. Wir vermitteln, beraten bei der Planung der Rehabilitation, verweisen an andere Fachkolleginnen und –kollegen. Wenn Sorge und Angst sehr groß sind, wenn die Betroffenheit traumatisch zu werden droht, wenn die psychische Belastung die ganze Lebensgestaltung vereinnahmt, begleiten wir die Menschen psychotherapeutisch, mit intensiven, wöchentlichen Therapiegesprächen. Dabei bilden wir auch Therapiegruppen oder verwenden kreative Methoden, wie Kunsttherapie oder Musiktherapie. Fachkollegen aus der Psychiatrie oder der Kinder- und Jugendlichen- Psychotherapie unterstützen uns, wenn es um schwerere psychische Störungen geht oder wenn die minderjährigen Kinder Begleitung brauchen. Dieses gesamte Arbeitsfeld der psychosozialen Unterstützung und Begleitung von Krebspatienten und ihren Angehörigen heißt "Psychoonkologie".

F: Welche Kollegen gehören zu Ihrer Ambulanz?
A: Bei uns sind fast 20 Kolleginnen und Kollegen tätig, entweder auf den Stationen des UKE oder in unserer Spezialambulanz. Es sind vor allem Psychologinnen und Psychologen, Ärzte und andere Therapeuten. Alle haben eine spezielle psychoonkologische Weiterbildung sowie eine langjährige psychotherapeutische Zusatzausbildung. Viele haben außerdem spezielle therapeutische Verfahren gelernt, die besonders in der Arbeit mit Krebspatienten hilfreich sind, z.B. Hypnotherapie oder Traumatherapie. Das Team trifft sich mehrmals wöchentlich zur Verteilung der Neuanmeldungen, zur "Fallbesprechung", sowie zur Supervision, angeleitet von einem erfahrenen Supervisor. Wir führen regelmäßig interne Fortbildungen durch und bieten auch Informations- und Fortbildungsveranstaltungen für andere Kollegen und für Selbsthilfegruppen an. Schließlich sind wir, als Teil eines universitären Institutes, an den Lehrveranstaltungen für Medizinstudierende sowie an Forschungsprojekten der medizinischen Psychologie beteiligt. Insgesamt sind wir eng mit den Abläufen und Strukturen im UKE und besonders im Hubertus-Wald-Tumor-Zentrum, einem der 10 deutschen nationalen Krebszentren, verbunden.